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Interview mit Dirk Wegener Über die Wahrscheinlichkeit des Unwahrscheinlichen

Solutions: Herr Wegener, COVID-19 ist in aller Munde. Gab es für Sie trotz dieser schwierigen Zeiten in den letzten Monaten auch positive Erfahrungen oder Ereignisse?

Dirk Wegener: Ich muss gestehen, dass es schwierig ist, bei all diesen schlechten Nachrichten eine positive Perspektive zu finden. Einen Hoffnungsschimmer gab es für mich persönlich allerdings schon. Viele Menschen – wahrscheinlich deutlich mehr als erwartet – waren in der Lage, mobil weiterzuarbeiten. Natürlich ist das von Branche zu Branche unterschiedlich. Nichtsdestotrotz war das für mich der Silberstreifen am Horizont.

Solutions: Für solche unvorhersehbaren Ereignisse wird häufig die Metapher von schwarzen Schwänen gewählt. Unternehmen müssen dabei schnell und flexibel mit unerwarteten Risiken oder Katastrophen umgehen können. Glauben Sie, dass das aktuelle Ereignis das Risikobewusstsein der Unternehmen verändern wird – vielleicht sogar dauerhaft?

Dirk Wegener: Zunächst ist in meinen Augen der Begriff des schwarzen Schwans für dieses Ereignis nicht ganz zutreffend. Schwarze Schwäne beschreiben so genannte unbekannte Ereignisse. Aber eine Pandemie gehörte für uns zu potenziellen Risikoszenarien. Was dann allerdings doch für viele überraschend kam, war das globale Ausmaß der Pandemie. Viele Szenarien hatten regionalen Ausbrüche – also eine Epidemie – auf dem Schirm. Daher ist die nahezu gleichzeitige Ausbreitung eines Virus wie COVID-19 die eigentlich schockierende Überraschung, aber sollte nicht als schwarzer Schwan bezeichnet werden.

Aktuell sind wir noch mittendrin in der Pandemie. Daher halte ich es für verfrüht, um über Chancen für das Risikomanagement zu sprechen. Nichtsdestotrotz bietet die aktuelle Situation sowohl für Risikomanager als auch für die unterschiedlichen Risikomanagement-Technologien und -Philosophien die unglückliche Chance, ihren Wertbeitrag für Unternehmen zu beweisen. Wie schnell Unternehmen ihre Tätigkeit wieder aufnehmen konnten, hängt stark davon ab, wie gut bzw. wie früh das Risikomanagement das Business Continuity Management auslöste. Mit Blick auf die Präsenz des Risikomanagements und der Risikomanager innerhalb von Organisationen hat COVID-19 das Bewusstsein geschärft. Somit war es also eine Gelegenheit zu demonstrieren, inwieweit Risikomanagement bereits in den unterschiedlichen Unternehmen wirklich etabliert ist.

 

COVID-19 hat das Bewusstsein für Risikomanagement geschärft.

 

Solutions: Mit Blick auf Versicherungsgesellschaften sehen wir, dass diese einem großen Druck ausgesetzt sind und dass dieser in den kommenden Jahren nicht abnehmen wird. Manager von Unternehmensversicherungen sprechen von Schwierigkeiten bei der Erneuerung und steigenden Preisen beim Abschluss von Versicherungen. Sehen Sie alternative Risikotransferlösungen – nicht nur für große, internationale Unternehmen, sondern auch KMUs?

Dirk Wegener: Wir haben bereits vor COVID-19 über einen sich verhärtenden Versicherungsmarkt gesprochen. Viele Versicherer geben an, dass der gesamte Markt der gewerblichen Versicherungen untertarifiert ist. Das Risiko sowie die Kosten liegen weit über den Prämieneinnahmen. In Konsequenz sei der Markt unausgeglichen.

Global Insurance Composite Pricing Change

Um auf Ihre Frage nach Alternativen zu Versicherungen zurückzukommen, stimme ich mit Ihnen überein, dass die Situation für KMUs und globale Unternehmen unterschiedlich zu bewerten ist. In der Umfrage European Risk 2020, die FERMA noch vor COVID-19 durchgeführt hat, zeichnet sich ein Trend ab, der Captives einschließt. 43% der Riskmanager ziehen diese Option in Betracht, im Vergleich zu 15% im Jahr 2018. Trotzdem glaube ich, dass es schwierig sein wird, dem Versicherungsmarkt zu entkommen. Nichtsdestotrotz werden wir wohl in nächster Zeit einen niedrigeres Versicherungsniveau beobachten können. Gründe liegen zum einem in dem enormen Kostendruck, dem Unternehmen ausgesetzt sind. Dieser Kostendruck kann durch COVID-19 sogar noch verstärkt werden. Zum anderen spielen die niedrigen Limits der Versicherer sowie vermehrte Ausschlüsse von Risiken wie beispielsweise Pandemien eine Rolle.

Solutions: Als Schadensanierer haben wir es mit Großschäden als auch mit Massenschäden bei Privathaushalten zu tun. Bei den Massenschäden in den Privathaushalten sehen wir seit einigen Jahren vermehrt digitale Lösungen, wie Dunkelverarbeitung, digitale Schnittstellen, standardisierte Verarbeitung oder Kommunikation zwischen allen Parteien. Solche Lösungen sind im Bereich der industriellen Schäden von Großunternehmensversicherungen aber noch nicht an der Tagesordnung. Wie steht die FERMA zu diesem Punkt? Vermissen Sie Lösungen in diesem Bereich?

Dirk Wegener: Der kritische Aspekt hier ist die Frage nach der Skalierbarkeit. Für große global agierende Firmen besteht die Schwierigkeit in lokalen Regulierungen. Bis dato erschweren diese die Skalierbarkeit auf globaler Ebene. Die Möglichkeiten, globale Programme aufzubauen, sind daher zunehmend eingeschränkt.

Aber es ist ein eine Frage der Zeit, denn es ist auch im Interesse globaler Unternehmen digitalisierte Standardprozesse zu entwickeln. Wir sehen Initiativen wie die elektronische Vermittlungsplattform bei Lloyds. Dort steht auch für diese hochkarätige kommerzielle Versicherung eine Marktdigitalisierung zur Verfügung. Außerdem gibt es Initiativen, bei denen Blockchain zur Verwaltung globaler Versicherungsprogramme eingesetzt wurde. Und es gibt sicherlich noch weitere Beispiele. Der Trend geht also klar in Richtung digitaler Lösungen.

Auch auf dem Gebiet der Schadenverhütung gibt es Bestrebungen der Digitalisierung. Ich spreche hier beispielsweise von Möglichkeiten, Sensoren mit Maschinen zu verbinden, um als eine Art Frühwarnsystem zu fungieren. Das ist nicht unbedingt an die Größe des Unternehmens gekoppelt. Aber ich stimme Ihnen zu, dass der KMU-Markt weiter fortgeschritten ist als die globalen Unternehmen.

Solutions: Im Bereich der Massenansprüche leiden wir unter einer recht großen Zahl unterschiedlicher Lösungen. Jede Versicherungsgesellschaft hat ihre eigene digitale Lösung. Als Dienstleister muss man auf verschiedenen Plattformen arbeiten. Das beschleunigt die Entwicklung digitaler Lösungen nicht gerade. Könnte es also ein Feld für die FERMA sein, sich um gemeinsame Lösungen im Bereich der Industrieversicherung zu kümmern, so dass also jeder die gleiche Plattform nutzt?

Dirk Wegener: Ich verstehe Ihren Standpunkt als Dienstleister. Als Versicherungsnehmer haben sie genau die gleichen Probleme. Auch sie sind mit der Anzahl der Instrumente konfrontiert, die von Versicherern oder Maklern angeboten werden. Damit einhergeht auch die nicht unerhebliche Frage: Wer ist eigentlich der Eigentümer der Daten? Diese ungeklärte Frage erschwert die Flexibilität und den Wechsel von einem Anbieter zum anderen.

Weiterhin stellt sich die Frage nach einem globalen Datenstandard und globalen Datenschnittstellen. Die Realität ist, dass dieser goldene Standard zumindest vorläufig noch nicht entwickelt worden ist. Ich teile Ihre Ansicht, dass das nicht unbedingt gut für den Markt ist. Nicht unbedingt als Mitglied der FERMA, aber als Vertreter von Risikoversicherungsmanagern würden wir diesen goldenen Standard natürlich gerne sehen. Aber es gehört nicht zu unseren Zielen, dies zu erreichen – insbesondere nicht in unserer Rolle als europäischer Verband. Wir sind in dieser Hinsicht auch nicht nahe genug an den speziellen Prozessen der nationalen Märkte.

Solutions: FERMA hat im Mai ein Positionspapier zum Resilienzrahmen für die EU herausgegeben. Welche Antworten oder Reaktionen darauf können Sie mit uns teilen?

Dirk Wegener: Wir haben ein Positionspapier für ein Resilienz-Rahmenwerk herausgegeben. Das Ziel: Eine öffentlich-private Partnerschaft, die systemische Risiken, wie die aktuelle COVID-19-Pandemie, absichert. Ansonsten ist das kumulierte Potenzial so hoch, dass der private Versicherungssektor nicht in der Lage ist, dies abzudecken.

Das bedeutet aber nicht, dass wir das Gegenkonzept der versicherungsbasierten Risikoabdeckung sind. Die versicherungsbasierte Risikoabdeckung ermöglicht es, über etablierte Techniken Risiken zu bewerten, zu bepreisen und auf den professionellen Risikoträger – sprich die Versicherungen – zu übertragen. Damit werden Anreize für angemessene Risikomanagement-Techniken geschaffen, die im Wesentlichen auf der ersten Verteidigungslinie und operativen Ebene der Unternehmen zu etablieren sind. Damit sollen Risiken reduziert, wenn nicht gar eliminiert werden, noch bevor sie sich in einem finanziellen Verlust niederschlagen. 

Nachdem wir unser Positionspapier herausgegeben hatten, hatten wir interessante Diskussionen, die von EIOPA (European Insurance and Occupatianal Pensions Authority) initiiert wurden. EIOPA hat nun ein Positionspapier verfasst. Dieses Papier umfasst die gleichen Punkte, so dass wir auch hier von einem auf dem Versicherungsrisikomanagement basierenden Resilienzrahmen sprechen. Dieses Papier wird nun an die europäischen Institutionen geschickt, mit dem Ziel, grundsätzlich zu prüfen und zu testen, ob auf europäischer Ebene ein Interesse an der Einrichtung dieser Art von öffentlich-privaten Partnerschaften besteht.

Weiterhin stehen wir mit unseren Mitgliedsverbänden in Kontakt. Wir haben eine interne Arbeitsgruppe eingerichtet, in der all diese nationalen Verbände die Möglichkeit haben, ihre Ansichten und ihre Ideen darüber auszutauschen, wie eine ähnliche Diskussion auf nationaler Ebene vorangetrieben werden kann. FERMA hat aktuell eine Umfrage unter Risk Managern über ihre Erfahrungen mit COVID-19 durchgeführt, deren  Ergebnis in Kürze veröffentlicht wird. 

Nach wie vor gilt die alte Weisheit:
Denke das Undenkbare, erwarte das Unerwartete.

Solutions: Was ist Ihre Schlüsselbotschaft an das Risikomanagement?

Dirk Wegener: Die COVID-19-Krise hat wieder einmal gezeigt, dass man als Risikomanager agil und flexibel sein sollte. Nach wie vor gilt die alte Weisheit: Denke das Undenkbare, erwarte das Unerwartete. In diesem Sinne stellen Sie sicher, dass Ihre Organisation in der Lage ist, auf zahlreiche und völlig neue Herausforderungen agil zu reagieren. Das erfordert natürlich eine gute Positionierung Ihrer Rolle innerhalb der Organisation. Das bringt mich wieder zu dem Punkt zurück, dass ein Risikomanager ein Risikodirektor innerhalb des Unternehmens sein sollte. Ein Risikomanager muss jemand sein, der das Netzwerk und das notwendige Verständnis für das hat, was im Unternehmen vor sich geht. Gleichzeitig muss er mit der Vorstandsebene kommunizieren können. Dabei geht es nicht um theoretische Risiken, sondern auch um konkrete Maßnahmen, die ergriffen werden müssen, z.B. um wieder mobil zu arbeiten, um die Backup-Standorte zur Verfügung zu haben, in diesem Sinne einen Business Continuity Plan und so weiter und so fort. Ich denke, das ist wichtig.

Solutions: Herr Wegener, ganz herzlichen Dank für das Gespräch!

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