Direkt zum Inhalt

Risiken richtig managen Haben wir aus Corona gelernt?

Die Corona Pandemie hat uns einerseits gelehrt, wie vernetzt wir heutzutage agieren und wie schnell wir in eine Krise schlittern. Andererseits müssten die Schmerzen bei den Unternehmen deutlich größer sein, um wirklich daraus zu lernen und sich für kommende Ereignisse angemessen zu rüsten, sagt Benedikt Hintze, Leitung Versicherung & Senior Referent Risikomanagement der Georgsmarienhütte Holding GmbH, mit dem Martin Schachtschneider, Head of Business Development BELFOR Deutschland, über Risikomanagement während und nach Corona gesprochen hat.

Solutions: Unser Kundenmagazin heißt Solutions. An welche besondere Lösung in den letzten Wochen erinnern Sie sich?

Benedikt Hintze: In den letzten Wochen haben wir alle gelernt, dass die Welt auf eine solche Krise nicht genügend vorbereitet ist. Wie geht man auch mit einem plötzlichen, massiven Nachfrageabschwung um? Was ein Unternehmen vorher tun kann, ist Reserven aufbauen, um die Krise auszusitzen. Ich vergleiche das mit dem Winterschlaf der Natur - so, wie sich ein Igel rechtzeitig Winterspeck anfuttert und seinen Energieverbrauch für einige Monate senkt.

Ein Problem bei der aktuellen Krise ist jedoch, dass der Staat sehr schnell eingegriffen hat. Und zwar mit dem vollen wirtschaftspolitischen Arsenal: Förderprogramme, sofortige Darlehen, Kredite und große Konjunkturprogramme. Das ist auf der einen Seite sinnvoll, auf der anderen Seite verhindert es einen wichtigen Lerneffekt: Unternehmen erfahren nicht, wie sie sich selbst aus der Krise ziehen oder wie sie sich gar nicht erst da hinein manövrieren. Einige Unternehmen haben schon nach wenigen Wochen Rettungsschirme gefordert – nach sonnigen Rekordjahren wohlgemerkt.

Hier fehlt eine Art Bestrafung für die, die sich nicht entsprechend vorbereitet haben. Stattdessen werden viele Unternehmen bei der nächsten Krise verkünden: „Wenn COVID-21 kommt, springt abermals der Staat ein.“ Aber: Tut er das dann wirklich? Kann er das überhaupt noch?

Solutions: Die massiven staatlichen Hilfen verhindern also zu einem gewissen Teil Eigeninitiative, Kreativität und eine wirkliche Problemlösung, wodurch die Gefahr besteht, dass Unternehmen wieder sehr schnell in ihren Trott zurückfallen?

Benedikt Hintze: Ja, die Gefahr sehe ich. Angenommen, es gäbe keine staatlichen Maßnahmen: Was wäre das Alternativszenario? Wir hätten wohl eine enorme Pleitewelle, wir erführen Massenarbeitslosigkeit – so wie in anderen Ländern. In den USA haben innerhalb von ein paar Wochen über 30 Millionen Menschen ihre Arbeit verloren. Das ist schon ein krasser Gegensatz zu unseren deutschen Verhältnissen. Wenn unsere Politik nicht reagiert hätte, wären wir wahrscheinlich auch dahin gekommen. Aber: Aus den Schmerzen, den Fehlern, den Versäumnissen hätten die meisten Unternehmen gelernt. Sie würden sich in Zukunft besser auf eine solche oder ähnliche Situation vorbereiten wollen. Dann brauche ich als Unternehmer ein Krisenmanagement und ein Risikomanagement. Dieser Antrieb fehlt jetzt. Zudem ist zu diskutieren, wo der Staat eingreift und wo nicht. Wenn er uns als Privatpersonen „raushaut“, dann ist das eine löbliche Sache im Sinne unserer Gemeinschaftlichkeit. Aber ist es gewollt, dass er Kapitalgesellschaften mit Investoren, oftmals auch andere Kapitalgesellschaften, hilft?

Solutions: Die Krise hat gezeigt, dass niemand eine Insel ist. Kein Unternehmen, kein Mensch, keine Volkswirtschaft. Wir sind extrem vernetzt. Ein gutes Beispiel dafür ist Schweden. Schweden hat keinen strikten Lockdown verhängt, ist aber dennoch wirtschaftlich schwer getroffen worden. Nun ist das Thema Riskmanagement immer ein Abwegen zwischen Chancen, Risiken und Rendite-Entscheidungen. Würden Sie sagen, dass Unternehmen ihr Hauptaugenmerkt auf Renditen und Profitabilität gelegt haben und daher nicht genug Speck angesetzt haben?

Hintze und Schachtschneider

Benedikt Hintze: Ich denke, das ist ein Problem der Effizienz. Wir haben es in den letzten Jahrhunderten geschafft, globale Wertschöpfungs- und Lieferketten aufzubauen. Immer höher, schneller, weiter. In Hamburg fahren täglich Schiffe mit über 20.000 Containern ein. Das ist symptomatisch für das, was wir konsumieren und für wie viel mächtiger die Netzwerkknoten anschwellen. Mit zunehmenden Verkehr nimmt auch die Unfallgefahr zu. Und: Mit anwachsender Anzahl an Knoten nimmt die Verletzlichkeit zu. Ich bezeichne das als ‚Fortschrittlichkeits-Verletzlichkeits-Paradoxon‘. Das heißt: Je fortschrittlicher eine Gesellschaft wird, desto verletzungsanfälliger wird sie auch. Dichte, unbekannte Verflechtungen entstehen, da wir heutzutage äußerst kurzfristig unterwegs sind. Gerade das Just-in-time-Prinzip hat unsere Verletzungsanfälligkeit noch weiter gesteigert. Warum? Weil schlankes Management, Lean Management, gerade das Gegenteil von Robustheit ist. Dadurch verbleiben den Unternehmen keine Reserven. Das Lean Management hat durchaus seine Berechtigung, allerdings nur solange es funktioniert. Wenn irgendetwas Unvorhergesehenes dazwischenkommt, bricht alles zusammen, wie ein Kartenhaus.

Solutions: Also Redundanzen aufbauen?

Benedikt Hintze: Redundanzen sind per se nicht schädlich, es ist immer eine Frage der Zeitachse. Langfristig überlebt nur, was auch eine existenzielle Krise aushalten hat. Beispiel Vorräte: Klar, da wird Kapital gebunden. Führt man allerdings zu wenig oder gar keine Lagerbestände, ist man abhängiger von anderen. Reißt die Lieferkette, stoppt die Produktion und der Verkauf. Das ist das Hauptproblem, in das wir uns in gutem Glauben hineinmanövriert haben. Wir verlassen uns heutzutage viel zu sehr auf einander. Segen und Fluch unserer Moderne.

Solutions: Sehen Sie eine Chance, dass wir zurückkehren zu anderen Standortentscheidungen? Zum Beispiel zu einem sicher-lieferfähig statt kostengünstig?

Benedikt Hintze: Ja, Chance als Wiederkunft des Risikogedankens. Allerdings: Die Krise war noch nicht tiefgreifend und tiefbewegend genug für ein Umdenken. Vielleicht wird man das aber erst in einigen Jahren abschließend beurteilen können.

Benedikt Hintze

Solutions: Könnten Sie sich vorstellen, angenommen es gibt einen Impfstoff oder vielversprechende Therapiemöglichkeiten, wieder genauso zu arbeiten wie vor der Pandemie?

Benedikt Hintze: Das würde ja bedeuten, dass man auf dem Weg nichts gelernt hat. Nein, ich denke schon, dass wir jetzt anders zusammenarbeiten, bedächtiger, mit einem wacheren Bewusstsein. Was macht das mit unseren Kindern? Was macht das mit uns Erwachsenen, da wir uns jetzt so lange nicht mehr die Hände geschüttelt haben? Oder sagt man: Nein, das Virus besteht nach wie vor in der Welt oder kann mutieren. Also hat man das vielleicht auch auf Dauer beerdigt. Die Welt steht nicht still, sie verändert sich. Wir sprechen demnächst wieder über neue Themen oder alte Themen, die aufbrechen. Wir werden unsere Arbeit immer etwas anders machen als noch gestern.

Solutions: Ein Gedanke: Der GVNW hat zusammen mit der Funk Stiftung ja letztes oder vorletztes Jahr eine Umfrage zum Thema Risk Management gemacht. Mein Eindruck war, dass Risk Management nicht gut darin ist, die Erfolge, die Benefits tatsächlich aufzuzeigen. Sie müssen Unternehmensführungen überzeugen von dem Mehrwert von Themen. Wie machen Sie das?

Benedikt Hintze: Ich tue mich schwer damit, sobald von einem Mehrwert gesprochen werden muss. Wenn ein Mehrwert da ist, dann erkennen den auch andere. Unser „Problem“ ist doch, dass wir gerade Krisen verhindern. Aber wie kann man das verkaufen? Sie beschreiten nur die eine Zukunft, erleben nur die eine Wahrheit. Am Ende des Weges erleiden Sie hoffentlich keinen Schaden. Die Gründe dafür: Können, Glück oder wahrscheinlich eine Kombination aus beidem. Was aber erleben wir in unserer Gesellschaft: DieKrisenmanager werden gefeiert, nicht die Krisenverhinderer. Als Risikomanager muss ich also darauf vertrauen, dass jemand unsere Schadenprävention würdigt :  Und die Bewährungsprobe folgt irgendwann. Irgendwann brennt es. Es passiert, weil man der Gefahr ständig ausgesetzt ist. Deshalb argumentiere ich so: Wir sind vorbereitet. Wir haben diverse Risikomaßnahmen ergriffen. Wir sind bestmöglich versichert. Wir nutzen verlässliche Dienstleister. Mehr können wir nicht machen.

Solutions: Vielen Dank. Das war ein spannendes Gespräch.

FacebookLinkedInTwitterMailArrow UpArrow LeftArrow RightGallery