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Ein Beitrag von Sue Taylor, Schadenexpertin bei der britischen Miller Insurance Services LLP. Scenario Testing: den Schalter im Kopf umlegen

Wer weiß, wo der „Black Swan“ landen wird? Wenn diese Frage beantwortet und die Möglichkeit oder Wahrscheinlichkeit einer Landung ausgeschlossen werden könnten, würde sich vieles verändern. Auch im Hinblick auf die Anforderungen der Versicherungspolicen, denn das extreme (Ausreißer-)Risiko würde weitgehend wegfallen.

Die Notwendigkeit einer Versicherung oder Rückversicherung ergibt sich aus zwei Hauptgründen: Entweder man erkennt im Überblick tatsächlich ein Risiko oder es besteht eine rechtliche Rahmenbedingung. Das Risiko bezieht sich dabei auf ein Ereignis oder eine Serie von Ereignissen, durch die die normalen Betriebsabläufe erschwert oder sogar verhindert werden. Ein Black Swan beinhaltet eine extreme Auswirkung in Folge eines Ereignisses – dabei geht er über den Bereich normaler Erwartungen und Erfahrungen weit hinaus. Die Erklärungen für einen solchen Vorfall werden nur im Nachhinein abgegeben – sie machen das Ereignis im Rückblick vorhersehbar, aber die Wahrscheinlichkeit ist mit konventionellen Methoden trotzdem nicht kalkulierbar.

Scenario Testings lassen uns an das Undenkbare denken.

Wie kann man sich auf die mögliche Landung eines Schwarzen Schwans vorbereiten? Wie können wir uns das Unvorstellbare vorstellen? Scenario Testings für Schadenfälle können dabei sicherlich helfen. Doch was beinhaltet ein solches Scenario Testing und wo sind seine Grenzen? Es geht darum zu testen, wie die Pläne und Konzepte sowie die an ihnen Beteiligten auf einen Vorfall oder eine Abfolge von Ereignissen reagieren. Ein Scenario Testing ist allerdings kein Masterplan zur Fortsetzung der Geschäftstätigkeit oder zum Wiederaufbau nach einem Unglücksfall.

Scenario testing

Egal, was passiert: „The Show must go on!“

Es ist nicht möglich, sich perfekt auf ein katastrophales Ereignis vorzubereiten. Aber es ist Ihnen möglich, Szenarien durchzuspielen und zu proben, sodass Sie die Herausforderungen besser erkennen und meistern können als andere. Es ist wie bei einem Schauspieler: Dieser probt seine Rolle intensiv, bevor er auf die Bühne ins Rampenlicht tritt. Ganz einfach, weil er das Beste aus seinen Fähigkeiten herausholen will und nicht befürchten möchte, nervös zu werden, zu stocken oder gar den Text zu vergessen. Er will seinem Publikum ein bestmögliches Erlebnis bieten. Und dennoch kann mitten in der Vorführung etwas Unerwartetes passieren – aber ein gut vorbereiteter Darsteller wird dafür sorgen, dass die Show weitergeht!

Wir glauben bei Miller nicht, dass es ausreicht, wenn man für einen Schadenfall nur einen Notfallplan und einen vorher festgelegten Personenkreis aus Schadenbearbeitern und Experten hat. Man muss auch sehen, wie alle Beteiligten auf den vorhandenen Notfallplan reagieren und wie sich das Ereignis in der Folge entwickelt. Um dies herauszufinden, initiieren wir Workshops mit Szenarien, bei denen es darum geht, ausser Kontrolle geratene Ereignisse darzustellen – basierend auf allen nur denkbaren Möglichkeiten und unter Aufnahme von Elementen aus aktuellen Schadenfällen. Im Workshop wird dieses Szenario den Kunden, Versicherern, Schadenbearbeitern, Schadensachverständigen, ausgewiesenen Experten und zum Teil auch den Anwälten der Kunden präsentiert. Ein solcher Workshop wird fachlich professionell vorbereitet, um sicherzustellen, dass die zuvor vereinbarten Ziele auch erreicht werden.

Wer sich vorbereitet, gewinnt Handlungssicherheit

Die Auswirkungen der verschiedenen Elemente des Szenarios werden dann erörtert. Wo eine eindeutige Antwort nicht möglich ist, muss dennoch eine Übereinstimmung erreicht werden, die für alle Parteien akzeptabel ist und in einen Aktionsplan aufgenommen werden kann. Der Punkt ist: Wenn die Realität zuschlägt, kann man sich nicht zurückziehen und sagen, „das ist zu schwierig“. Es ist gerade ein Ziel des Scenario Testings, Strategien zu entwickeln, um mit diesen schwierigen Situationen fertigzuwerden. Die Erfahrung hat gezeigt, dass sich diese Vorgehensweise wirklich auszahlt: Kunden, die Scenario Testings absolviert hatten und später in einen Schadenfall involviert waren, konnten nicht nur auf die unter allen Parteien entwickelten Verbindungen aufbauen, sondern sie waren sich auch sicher, dass ihre Strategien abrufbar und einsetzbar sind.

Scenario testing

Der Test zeigt auch auf, wie die Versicherungen reagieren und welche Nachweise von den Versicherten benötigt werden, um die Schadenabwicklung in den Prozess einzubinden. Der Austausch darüber, was in vielen Fällen erforderlich sein könnte, führt dazu, dass die Versicherten ihre Dokumentation optimieren können und so die Informationen verfügbar sind, die in der Zukunft eine schnellere Schadenabwicklung ermöglichen.

Wie werden derartige Szenarien entwickelt? Meine persönliche Herangehensweise ist es, zunächst den Kunden nach seinen Bedenken zu fragen und herauszufinden, was er als potenziell katastrophales Ereignis bewerten würde. Dabei entspricht das Empfinden des einen Kunden nicht notwendigerweise dem eines anderen Kunden – jeder hat hier verschiedene Einschätzungen der Risiken und unterm Strich ganz unterschiedliche Toleranzen.

Szenarien bis zum Schluss durchspielen

Hat man ein Hauptereignis identifiziert, sind Recherchen und Fachkenntnisse erforderlich, um eine mögliche Abfolge von Ereignissen zu inszenieren. Ein beispielhaftes Szenario könnte sein, dass ein Kunde befürchtet, von Erdbeben in Mitleidenschaft gezogen zu werden. In diesem Fall könnte man das schwerste Erdbeben in der in Frage kommenden Region als Grundlage nehmen und es im Szenario noch ein wenig verstärken. Weiterhin könnte man den Radius der Nachbeben überprüfen und ausweiten – ebenfalls nur ein wenig. Anschließend prüft man die vom Kunden genutzte Infrastruktur in der Umgebung und beschädigt oder zerstört diese im Szenario – zum Beispiel auch in der Art, dass der Zugang zu den Firmenarealen verwehrt wird. Sollte in der Nähe möglicherweise auch ein Kernkraftwerk stehen, das betroffen sein könnte, oder wenn das Gebiet in der Reichweite eines denkbaren Tsunami liegt, sind auch diese Auswirkungen zu beachten. Anschließend studiere ich Forschungsberichte und überprüfe die Konstruktion oder auch risikomindernde Faktoren – zum Beispiel, ob die Gebäude moderne Erdbeben-Standards erfüllen. Erdbeben ziehen darüber hinaus häufig weitere Folgen nach sich, zum Beispiel Feuer, Explosionen, Überflutungen oder Plünderungen – man sollte so viele Folgen wie möglich in ein Scenario Testing mit einbeziehen!

Es kommt noch schlimmer: ein unabwendbares Ereignis on top!

Scenario testingEin Faktor, den ich bei jedem Szenario – wann immer möglich – ergänze, ist mindestens ein weiteres unabwendbares Ereignis. Warum? Ein solches zusätzliches Ereignis erschwert und verlängert die Aufarbeitung eines Schadenfalls. Denn vielen Kunden ist gar nicht klar, wie lange eine solche Aufarbeitung in der Regel dauert – es sind nicht nur Tage oder Wochen, sondern normalerweise Monate. Und oft ist ebenfalls nicht klar, dass sie keinen Zugriff auf ihre Anlagen haben, bis dieser Prozess abgeschlossen ist. Normalerweise greife ich auf meine eigene Erfahrung im Umgang mit solchen unausweichlichen Ereignissen zurück, um diesen Faktor dem Szenario hinzuzufügen.

Details beachten, Vorstellungskraft anregen

Auch die Versicherungsdokumente lese ich gründlich durch, ganz bewusst auch in den „Grauzonen“, zum Beispiel in Bezug auf die Identifikation von Ursachen, Fortführungsklauseln, gegenseitige Abhängigkeiten oder die Haftungsdauer. Mit Blick auf die Klauseln, die dort aufgeführt oder eben nicht zu finden sind, ergänze ich das Szenario. Der Schlüssel ist, meiner Meinung nach, dass ein Szenario eben nicht sicher ist. Das stellt die Makler, Versicherer und Sachverständigen vor eine größere Herausforderung – es nützt aber den Versicherten. Ich schreibe das Szenario dann in einer erzählerischen Form – nicht nur in Bullet Points – sodass sich ein Gefühl der Dramatik und Ausweglosigkeit entwickeln kann, um die Vorstellungskraft anzuregen.

Szenarien weiterentwickeln, Handlungsoptionen verbessern

Das Szenario und die unterstützenden Schadenberichte werden allen Teilnehmern in Fortschreibung des Workshops zur Verfügung gestellt, sodass ausführliche Notizen, Kommentare oder Handlungsoptionen auch nachträglich kursieren und ausgetauscht werden können. Wo immer möglich, werden zu den Abfassungen, die im Verlauf des Workshops entstanden sind, Korrekturen eingearbeitet, die im Zusammenhang mit den möglichen Handlungsoptionen oder Entschlüssen stehen, zum Beispiel Änderungen des Schadenprotokolls oder in Bezug auf das Hinzuziehen von weiteren Experten über den vorgesehenen Umfang hinaus.

Fazit

Es ist vermutlich nicht möglich, zu verhindern, dass das höchst Unwahrscheinliche einen Einfluss hat oder sogar ein Black Swan landet. Aber es ist möglich, Strategien zu entwickeln und Beziehungen zu knüpfen, die eine gewisse Robustheit und Widerstandsfähigkeit sicherstellen, sodass die Landung eines Black Swan so wenig Wellen wie möglich schlägt.

Prof. Dr. Fred Wagner stellte die Studie „Risikomanagement im Industrieunternehmen“ auf dem GVNW Symposium 2018 vor. Lohnt sich Risikomanagement überhaupt?

Der Umgang mit „Schwarzen Schwänen“ fällt bei Unternehmen in den Bereich des Risikomanagements. Ist dieses gut aufgestellt, lässt sich auch auf unvorhersehbare Ereignisse gezielter und schneller reagieren. Aber wie wird Risikomanagement aktuell im deutschen industriellen Mittelstand gelebt? Und welchen Nutzen bringt es den Unternehmen? Eine aktuelle Studie gibt Auskunft.

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